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Chef im Ring

Zweimal die Woche geht Erwin Leuschner boxen – mit 83. Eine Begegnung mit einem Mann des Rustikalen.

Natürlich muss diese Geschichte mit einem Bademantel beginnen. Wie könnte es anders sein?  Schließlich hat auch Erwin Leuschners Geschichte mit einem Bademantel begonnen. Damals, 1956. In Berlin.

Es ist ein regnerischer Wintertag, um die Mittagszeit wartet Erwin Leuschner, 83, im Empfangsraum einer Boxhalle in Lohr. Er bestimmt den Tisch für das Gespräch, doch vor der ersten Frage muss er erstmal ein paar Dinge erklären. Wie die Frau am Empfang heißt, wo eine Hantelbank oder ein Sandsack zu finden sind und wer welche Urkunde an der Wand errungen hat. Beim Rundgang begrüßt Leuschner jeden Einzelnen. Erst dann ist Zeit für den Bademantel.

„Das war mein erster Preis“, erklärt Leuschner, „im Osten gab es nicht viel.“ Zehn D-Mark, eine Urkunde und ein blau-rot-gestreifter Bademantel: Das musste im Halbweltergewicht genügen für einen deutschen Meister. Oder wie es damals noch hieß: den Sieger der Besten-Ermittlung. Leuschner sitzt an einem Tisch am Fenster der Empfangshalle und erzählt von seiner Boxkarriere. Wie er mit 16 angefangen und mit 18, an seinem Geburtstag, seinen ersten Kampf bestritten hat. Wie er mal einen K.o.-Schlag hat hinnehmen müssen und der Arzt ihm noch am Ring die Kinnlade wieder eingerenkt hat. Oder wie er einen Leberhaken kassiert hat und zusammengesackt ist.

Plötzlich wird er ungeheuerlich: Leuschner holt aus und die Faust fliegt über den Tisch.

„Man muss schnell sein“, ruft Leuschner jetzt und schlägt mit beiden Fäusten Löcher in die Luft. „Wenn ich Sie jetzt schlagen würde“, sagt Leuschner, holt aus und lässt die Faust über den Tisch fliegen. Für  einen Augenblick stockt einem der Atem, Leuschner wird kurz ungeheuerlich, ehe er fortfährt: „Dann würde ich einen schnellen Schlag anbringen und so ein Stückchen vor Ihrer Nase stoppen.“ Leuschner   legt den Zeigefinger beinahe auf den Daumen – dann lächelt er und sagt: „Ich bin immer noch schnell.“ Leuschner scheint das zu gefallen, dieses Gefühl der Überlegenheit. Als man ihn nach seiner Motivation fragt, selbst im fortgeschrittenen Alter noch zu boxen, stockt er kurz. Er versteht die Frage nicht so recht. Als er später leicht schnaufend im Trainingsraum steht, sagt er: „Sehen Sie, junger Mann: Deshalb boxe ich.“ Die körperlichen Grenzen auszuloten und diese zu verschieben, etwas für seine Fitness zu tun, danach in geselliger Runde beisammen zu sitzen – all das treibt Leuschner an. „Alles ist endlich“, sagt er, „aber man kann auch fit endlich sein.“

Er löse auch Kreuzworträtsel, um auf der Höhe zu bleiben, und er esse Walnüsse. Leuschner neigt den Kopf leicht nach vorne, deutet auf die Stirn und sagt: „Für die Denkfähigkeit.“ Während andere Leute ihre Zeit in den Cafés dieser Welt verplempern, indem sie bloß herumsitzen, tut er etwas für sich und seine Gesundheit. So sieht Leuschner das. Schon morgens macht er Gymnastik, und seine Frau muss mitmachen.

„Er hat Adleraugen, er ist sehr fordernd, und er kann auch hart sein“, sagt einer seiner Schützlinge.

Wer den Menschen Leuschner verstehen will, muss ihn beim Training erleben. Wie energisch er bei der Sache ist, wie ehrgeizig. „Er hat Adleraugen“, sagt  einer seiner Schützlinge, „er ist sehr fordernd, und er kann auch hart sein.“ Wer aber auch sieht, wie Leuschner zwischen den Übungen Scherze macht, der weiß diese Aussage einzuordnen. Als einer seiner Mitstreiter nach einer Runde Pratzenkampf vor sich hin hechelt, Leuschner aber dennoch zur nächsten Runde herausfordert, sagt Leuschner: „Warte noch! Du schnaufst noch zu sehr!“ Die Runde lacht, ist Leuschner doch deutlich älter, aber längst wieder bereit.

„Junge Frau!“, ruft er jetzt durch die Halle zu einer Unbeteiligten, die etwas abseits trainiert, „Sie müssen erst Gymnastik machen, dann an die Geräte gehen.“ Auch das ist Leuschner. Wenn er vom Training erzählt, vom Aufwärmprogramm, dann sagt er: „Wir machen Seilspringen – aber nicht wie ein Mädchen, sondern wie ein Boxer.“ Fragt man ihn am  Ende des Gesprächs, ob er denn ein Lebensmotto habe, schaut er etwas irritiert. Dann sagt er: „Ja, das ist mein Motto: Alles ist endlich, aber man kann auch fit endlich sein. Sie haben das immer noch nicht begriffen.“ Er schaut nicht mehr irritiert. Er lächelt.

So ist das Training aufgebaut

Die Einheiten der Boxgruppe Leuschner folgen stets einem Muster: Seilspringen, Laufen und Gymnastik zum Aufwärmen, anschließend Schattenboxen, ehe es an die Geräte geht: einen Punchingball, die Sandsäcke und ein Box-Dummy. „Dann machen wir Konditionstraining“, erklärt Leuschner und  präzisiert: „Pratzenschlagen – aber mit Gegenschlag. Das sieht für jemanden, der keine Ahnung vom Boxen hat, wie ein Kampf aus.“ Zum Abschluss steigt ein Pratzenkampf mit einem Trainingspartner – „eine Folge von bestimmten Schlägen: Aufwärtshaken, Seitenhaken, linke Gerade, rechte Gerade,
langer Haken.“

Fitnessboxen – ohne blaues Auge oder blutige Nase

„Die Leute haben Angst, wenn sie hören, dass ich boxe“, verrät Erwin Leuschner, „deshalb sage ich dann immer: Ich mache Fitnessboxen.“ Doch worin besteht der Unterschied? Beim Fitnessboxen kommt dem Konditionstraining eine gewichtigere Rolle zu. Kein blaues Auge, keine blutige Nase: Das Risiko des  Boxens, körperlich versehrt zu werden, besteht nicht. Leuschner erklärt: „Der Unterschied zwischen Boxen und Fitnessboxen ist: Wir schlagen uns nicht die Köpfe ein, es geht nur darum, fit zu sein.“

Das ist Erwin Leuschner

Erwin Leuschner wurde am 21. März 1935 in Berlin geboren. Bis er 25 Jahre alt war, boxte er, unter anderem für Hertha BSC, ehe ihn eine Blinddarm-Operation zunächst ausbremste. Leuschner siedelte nach Herleshausen bei Kassel über, arbeitete als Projektingenieur im Bereich Sondermaschinenbau, lernte 1967 seine Frau kennen und zog zwei Jahre später nach Lohr, um bei der Firma Rexroth eine Führungsposition einzunehmen. 1994 ging er in Rente. Seit Februar 2015 boxt er wieder, zuvor segelte er jahrzehntelang und fuhr Kanu. Leuschner ist verheiratet und hat eine Tochter.

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