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Künstliche Befruchtung. Sogar bei Bienen!

„Die Bienenzucht ist vergleichbar mit dem Aktienhandel: Sie erfordert viel Wissen, man braucht eine gute Beobachtungsgabe und viel Glück – das muss eigentlich an erster Stelle stehen.“ Das sagt der Marktheidenfelder Martin Perner bei einem Treffen in seinem vor vielen Jahren selbst gezimmerten Bienenhaus im Stadtteil Zimmern. Mit Fug und Recht kann man über den 82-Jährigen gebürtigen Sudetenländer sagen, dass er ein ausgewiesener und weithin anerkannter Fachmann ist auf dem sehr speziellen Gebiet der Bienenzucht. Er ist seit 50 Jahren als „Reinzüchter“ anerkannt und Deutschlands dienstältester Besamer von Bienenköniginnen.

Perner lernte das Gold- und Silberschmiedehandwerk und führte als Meister einen Betrieb mit 35 Angestellten, aber sein Herz schlug und schlägt auch heute noch für die Bienen. Immer wieder besuchte er Bieneninstitute, „denn nur dort konnte man früher etwas lernen“, schrieb sich für Kurse über Krankheiten oder die Königinnenzucht ein. Die instrumentelle Besamung brachte er sich selbst bei. Sein Ziel: Lieber keinen Begattungsflug der Königin und deren Besamung dem Zufall überlassen. Denn bei einer frei gepaarten Königin besteht die Gefahr, dass sich mit einer von bis zu 20 begattenden Drohnen ungeeignetes Erbgut einschleicht.

DIE FRIEDLICHE CARNICA
Der Marktheidenfelder arbeitet mit der reinrassigen Carnicabiene. Die Kärntner Biene ist eine natürlich entstandene Unterart der Westlichen Honigbiene. Imker nennen sie einfach Carnica. „Ein Zuchtvolk schaue ich mir 100 Mal an“, verrät Perner. Er misst das Flügelgeäder, brauchte früher für 50 Bienen vier bis fünf Stunden mit Hilfe von Zentimetermaß und Winkel. Heute geht das dank Computertechnik in Sekunden. Bei der Arbeitsbiene schaut er auf das Panzerzeichen – das sind die roten Ecken am Hinterleib – vermisst das Überhaar der letzten Schuppe, die Filzbindenbreite, den Körperbau, die Rüssellänge. Das Volk muss ruhig und wabenstetig sein, also ruhig bleiben, wenn der Imker die Bienen entnimmt und eine gute Honigleistung bringen. „Das alles sind rassentypische Merkmale wie beim Rind die Stockhöhe oder das Euter“, zieht der Fachmann für den Laien einen Vergleich. Ist er mit den Einzelmerkmalen zufrieden, wird es als Zuchtvolk eingestuft.

DICKE, FAULE DROHNEN
Nur diese Zuchtvölker werden durch die Königinnenzucht vermehrt. Bei der instrumentellen Besamung muss man auf einen genauen Zeitplan achten. Denn die Drohnen sind erst am 20. Lebenstag geschlechtsreif. Die Königin sollte acht bis zehn Tage alt sein. Aus ihren befruchteten Eiern werden in 21 Tagen Arbeitsbienen, aus den unbefruchteten nach 24 Tagen Drohnen. „Die sind dick, dumm und faul“, spricht Perner leicht belustigt über die männlichen Tiere.
Wer ein bisschen Ahnung von der Landwirtschaft hat, kann sich die künstliche Besamung zumindest beim Schwein oder auch bei der Kuh vorstellen. Aber im Vergleich dazu sind die Bienen winzig. Wie soll das denn gehen, fragt sich der Laie. Da ist mehr als nur Fingerspitzengefühl erforderlich. An seinem Arbeitsplatz mit Mikroskop und einer speziellen Apparatur demonstriert Martin Perner, wie es funktioniert.

Er hat einen „Mikromanipulator“ entwickelt und eine Besamungsspritze aus Kunststoff mit einem Durchmesser von 0,3 Millimeter an der Spitze. Damit zieht er geschickt die gelblichen Spermien der Drohnen auf. Für die Begattung einer Königin braucht er davon neun Kubikmillimeter. Die Königin wird mit Kohlensäure betäubt, vorsichtig fixiert und dann spritzt der Fachmann ihr den Drohnensamen in die Scheide. Dabei muss er sehr vorsichtig vorgehen, um das kleine Nutzinsekt nicht zu verletzen. Bei einer natürlichen Besamung sind 75 bis 80 Prozent Erfolg gut, bei der instrumentellen 95 Prozent.

Der Marktheidenfelder schwärmt für seine Bienen, weil sie eben kaum schwärmen – und weil seine Immen auch nur selten stechen, ausgeglichen und friedlich sind. Das ist das Verdienst des 82-Jährigen.
Er spricht so überzeugend davon, dass wir bei unserem Besuch auch gar nicht auf die Idee kamen, nach  einem Kopfschutzschleier zu fragen, als er ein Zuchtvolk mit tausend Bienen öffnet. Der Imker will uns noch zeigen, warum es heuer ein sehr gutes, aber auch sehr arbeitsaufwändiges Bienenjahr ist durch den sogenannten Melezitose- oder Zementhonig. Dieser kristallisiert schon im Honigraum des Bienenvolks vom Boden der Wabenzelle her aus und kann nicht oder nur schwer ausgeschleudert werden.
So lange es Imker und Züchter wie Martin Perner gibt, der als einer von 120 Imkern in Deutschland an einem Bienenmonitoring teilnimmt zur Erforschung, was es mit dem Bienensterben auf sich hat, wird es wohl auch weiterhin Honig für den Frühstückstisch geben. Das hat dann weniger mit Glück, sondern mit ganz viel Wissen zu tun.

 

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