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Nah an der Welt – Zuflucht für Fremde

Mit Eigeninitiative und viel Humor trotzt Heßlar der Landflucht

Seit langem geistert der Begriff als Drohung durch unsere Dörfer: Landflucht! Weil die Infrastruktur wegbricht, weil es keine Geschäfte und keine Gasthäuser mehr gibt, ziehen junge Leute in die Ballungszentren. Das Leben in den Dörfern verarmt, es wird in erster Linie von den Alten getragen. Doch es gibt Orte, die diesem Trend widerstehen. Einer davon ist Heßlar auf dem Berg über dem Werntal – von seinen Einwohnern liebevoll Kuckucksnest genannt.

 

 

 

 

 

 

Die Trachtenkapelle Heßlar war einer der Stars beim Oktoberfest 2018. Aber nicht etwa in der bayerischen Hauptstadt, sondern viele tausend Kilometer entfernt im brasilianischen Ort Blumenau. Dort findet alljährlich das größte Oktoberfest außerhalb von Bayern statt, mit knapp einer Million Besuchern. Zum zweiten Mal waren auch die Musiker aus Heßlar drei Wochen lang aktiv mit dabei am „anderen Ende der Welt“. Mit ihrer Blaskapelle begleiteten sie den großen Eröffnungszug und spielten an zwei Abenden in der größten Halle vor mehr als 15.000 Zuhörern auf. „Für uns als Hobbymusiker war das Gänsehaut pur von der ersten bis zur letzten Minute!“, schwärmt Thomas Vollmuth vom Musikverein Heßlar.

Musik aus Heßlar für Bayern und die Welt

Mindestens ebenso viel Gänsehaut hatten wohl die Musiker der Partyband, als sie bei der Fernsehaufzeichnung des Bayerischen Fernsehens bei „Karlstadt Helau“ quasi vor einem Millionenpublikum spielten. Rund 150 Mitglieder spielen in den vier Abteilungen Trachtenkapelle, Partyband, Sinfonisches Blasorchester und Jugendkapelle.

Nicht viel anders steht es um die Freiwillige Feuerwehr. Als diese vor knapp zwei Jahren ihr 140-jähriges Gründungsfest mit großem Aufwand feierte, standen dafür 185 Helfer aus dem Dorf zur Verfügung. Das ist weit mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Dasselbe ist im dritten wichtigen Verein, dem TSV, der zwar keine Fußballmannschaft mehr unterhält, aber dafür im Sportheim und auf dem Platz eine ganze Reihe von sportlichen Aktivitäten für die Jüngsten und die Senioren anbietet.

Aber die wohl außerordentlichste Besonderheit des TSV ist die Faschingsabteilung. Ohne große Übertreibung darf man sagen, dass die Heßlarer die unglaublichsten Fastnachtssitzungen in der ganzen Region abziehen. In dem wohl kleinsten Sitzungssaal im Sportheim feiern sie rauschende Höhepunkte der fränkischen Narretei mit umwerfender Bütt, großartigem Kabarett, fetziger Musik und schönen Tänzen. Die Bühne ist so begrenzt, dass Musiker und Prinzenpaar das Feld räumen müssen, wenn die sechs Gardemädchen oder die Herren vom Männerballett das Tanzbein schwingen.

Im Heßlarer Fasching ist alles Eigenproduktion und auch hier sind mit gut 100 Mitwirkenden fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung aktiv mit dabei. Dann geht es um Themen vor der Haustür, um den Dorftratsch, um die drohende Überfremdung durch Zuzüge aus Karlburg oder um den „Hexit“, die Loslösung des Kuckucksnests von Karlstadt.

Über sich selbst lachen können

Hier blitzt eine offensichtliche Eigenschaft der Heßlarer auf, der sie so besonders macht: der Humor, die Fähigkeit über sich selbst zu lachen. Da stehen im Internet urkomische Videoclips, in denen sich die Feuerwehr selbst parodiert oder einen skurrilen „Grenzübergang“ an der Ortseinfahrt inszeniert. Einzigartig auch die Heßlarer Bichte oder Firke. Als nämlich vor wenigen Jahren die Spitze des Maibaums so grauenhaft krumm ausfiel, setzten die Kuckucke kurzerhand auf den oberen Stumpf ein kleines Fichtenstämmchen. Dazu kam am Schnittpunkt das Heßlarer Wappen und ein Lautsprecher ließ dreimal am Tag das Heßlarer Lied erklingen.

Wie aber kann ein so kleines Dorf so aktiv und so populär sein? Gerade einmal 347 Menschen leben in dem zweitkleinsten Stadtteil östlich von Karlstadt, auf der wasserarmen Kalkhöhe. Optisch dominieren die vielen hohen Windräder im Norden des Ortes, manchmal hat man auch in der Dorfmitte den Eindruck, dass die nächste Anlage im Nachbarhof aus dem Boden wächst. Die Verkehrsanbindung ist wirklich nicht berauschend. Eine Kreisstraße und vier schmale Pisten zu den Nachbardörfern sind der einzige Anschluss an die Welt. Der Bus findet nur selten den Weg auf den Berg – meistens
ist er leer. Eigentlich ist ja nichts los in Heßlar – hier lebt man am Ende der Welt.

Jubiläumsjahrgang – Neun auf einen Streich

Trotzdem spricht hier keiner von Landflucht. Im Gegenteil, der Ort hält sich nicht nur tapfer, er wächst, weil nicht nur auffallend viele junge Leute hier bleiben, sondern auch Fremde sich hier niederlassen und ihr neues „Kuckucksnest“ bauen. Der Knüller war aber vor fünf Jahren, als zur 1225-Jahrfeier in wenigen Monaten neun Kinder auf dem Heßlarer Berg geboren wurden, somit ein Plus von 2,6 Prozent im Jubiläumsjahr! Auch im vergangenen Jahr gab es einen Überschuss von vier Kindern.

Thomas Vollmuth, Musiker, Sportler und Obernarr kennt das Erfolgsgeheimnis seines Heimatdorfs. „Wenn bei uns nichts los ist, regen wir uns nicht auf, wir machen etwas los!“ Ein kleines Dorf, so sagt er, hat auch seinen Vorteil. Hier kann man nicht aussortieren oder sich in Cliquen abschotten, denn man muss eben miteinander auskommen. Das sorgt auch dafür, dass es weitaus weniger Generationenkonflikte gibt, stattdessen sitzen am Donnerstagabend Alt und Jung in Ermangelung eines Gasthauses im Sportheim beieinander, klönen, diskutieren oder spielen Karten. „Das Sportheim ist mit rund 50 Veranstaltungen im Jahr bestens ausgelastet“, sagt der TSV-Vorsitzende Jürgen Kratochwil.

Wir machen etwas los!

Dazu hat sich in Heßlar eine beispielhafte Willkommenskultur entwickelt. Neubürger werden angesprochen und unverbindlich eingeladen. Nicht wenige der Ankömmlinge bedanken sich dafür mit
einem Hoffest für die Nachbarn – und schon ist das Eis gebrochen. In einem Jahr sind gleich fünf Freunde gleichzeitig mit ihren Partnerinnen auf den Berg gezogen und haben dort eine Familie gegründet.

Das große Zusammengehörigkeitsgefühl erleichtert auch die Versorgung,
meint auch der Stadtrat Uwe Mehling. Zwar kommt dreimal in der Woche das Bäckerauto aus Thüngen und Tiefkühlwagen liefern das Nötigste, aber wer ohne eigenes Auto zum Einkaufen oder zum Arzt muss, findet meist einen Verwandten oder Nachbarn, der ihn mitnimmt – man muss eben rechtzeitig
planen. Es gibt mehrere private Fahrgemeinschaften, auch die Jüngsten werden auf diese Weise zu den Kindergärten in Stetten oder Binsfeld gebracht.

Mit der Abgeschiedenheit seines Dorfs hat der Sportvereinschef Kratochwil keine Probleme. „Die modernen Kommunikationsmedien wie Internet und Mobiltelefon binden an die Welt an. Man kann heute von überall vernetzt arbeiten“, sagt er. Viele junge Leute finden den Weg nach Berufsausbildung der Studium wieder zurück nach Heßlar und bringen womöglich den Partner mit. Der besondere Geist in Heßlar und die günstigeren Grundstückspreise bieten Lebensqualität, die man in der Stadt oft nicht findet. Oder wie Kratochwil sagt: „Wir leben zwar auf dem Berg, aber nicht hinter dem Mond. Wir sind nah an der Welt!“

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