skip to Main Content

Stille Becken sind tief

Stell dir vor, es ist Unterwasserrugby, und keiner geht hin. Über eine Randsportart, die dreierlei ist: einzigartig, faszinierend – und nahezu unbekannt.

Peter Endres hat seine Brille nicht zur Hand, deshalb steht er jetzt in diesem kleinen Abstellraum vor einem Spind und fingert etwas unbeholfen am Schloss herum. Dann gibt er auf und dreht sich um. „Können Sie das aufmachen?“, fragt Endres und verrät die vierstellige Abfolge der Zahlen. Als die Tür geöffnet ist, greift er nach einem der Bälle und spaziert zurück in die Schwimmhalle.

Wie schwer ist der Ball denn? Endres wirft ihn ein paar Mal in die Luft, dann fragt er Christian Esser, den Trainer, der gerade angelaufen kommt: „Christian, wie schwer ist so ein Ball?“ Christian überlegt einen Moment, dann schätzt er, er wiege etwa so viel wie zwei Säcke Mehl. „Höchstens!“ Tatsächlich sind es
mehr als drei. Es ist ein kalter, regnerischer Montagabend Mitte Januar, doch die Schwimmhalle – ein Becken, zwei Sprungtürme, fünf Startblöcke – bietet Temperaturen, die selbst dann kaum auszuhalten sind, wenn man barfuß herumläuft, nur ein T-Shirt trägt und die Hose bis zu den Knien hinaufkrempelt. Der Schweiß rinnt den Rücken hinunter. Auch das Wasser sei 27 Grad warm, sagt Endres. Tatsächlich sind es weniger, wie man später selbst herausfinden wird.

Endres, 55, ist der Sportliche Leiter der Würzburger Unterwasserrugby-Mannschaft. Drei Jahrzehnte lang hat er das Team selbst trainiert, das Amt vor anderthalb Jahren aber an Christian Esser abgetreten. Endres steht im Hallenbad der Bereitschaftspolizei am Beckenrand und erzählt, wie er damals, vor 35 Jahren, einen Urlaub auf Kuba gebucht hat. Wie er dann auf der Suche nach einem Tauchkurs gewesen ist, um sich vorzubereiten – und wie er dann über einen Arbeitskollegen auf die Tauchsportgruppe Würzburg gestoßen ist. Das sei der gängige Weg, wie man zum Unterwasserrugby komme, sagt Endres. Übers Tauchen und über Bekannte. Oder anders formuliert: Man muss sich im Wasser wohl fühlen – und man muss ein bisschen verrückt sein, um Gefallen zu finden.

Unterwasserrugby ist nicht zuschauerfreundlich – „man muss im Prinzip ins Wasser gehen“

Im Becken geht es längst zur Sache. Die beiden Mannschaften, eine mit schwarzen Badehauben, eine mit weißen, kämpfen unter Wasser. Der eine Spieler umklammert einen anderen, um ihm den Ball zu entreißen, ein anderer schlägt mit den Flossen, um aufzutauchen und nach Luft zu schnappen. Am Beckenrand bekommt man von alldem kaum etwas mit. „Der Sport ist nicht unbedingt Zuschauerfreundlich“, sagt Endres, „man muss im Prinzip ins Wasser gehen, um das Spiel gut zu sehen.“

Vielleicht ist Unterwasserrugby auch deshalb eine kaum beachtete Sportart, obwohl sie bereits vor mehr als 50 Jahren in Deutschland aufgekommen ist. Auch in Würzburg hat der Sport eine lange Geschichte. Die Mannschaft ist schon mehrfach ins Rathaus eingeladen und für ihre Erfolge geehrt worden. „Dann sind selbst die Stadträte manchmal verblüfft, weil sie noch nie von Unterwasserrugby gehört haben“, sagt Endres.

Die Mannschaft mit den schwarzen Badehauben ist der mit den weißen überlegen. Christian Esser unterbricht das Trainingsspiel und richtet sich mit einer Ansprache ans weiße Team: „Ihr passt nicht auf. Die anderen machen den Spielzug über die Ecke und ihr achtet überhaupt nicht drauf. Und ich sehe eine Spielzüge. Was ist los?“

Wasser hat seine eigenen Gesetze: Man agiert in drei Dimensionen.

Es ist nicht leicht, den Ball unter Wasser hin und her zu spielen. Ein Pass gleicht einem Kugelstoß, doch nach etwa zwei Metern verlässt der Ball seinen Weg. „Es ist eben eine andere Geschichte“, sagt Endres und meint: Wasser hat seine eigenen Gesetze. Unterwasserrugby unterscheidet sich besonders in einem Punkt von allen übrigen Sportarten: Die Spieler agieren in drei Dimensionen – nicht nur nach rechts und links sowie nach vorne und hinten wie etwa beim Fuß-, Hand- oder Basketball, sondern auch nach oben und unten. Das erfordert eine immense Handlungsschnelligkeit, macht aber den besonderen Reiz aus.

All das begreift man erst, wenn man sich eine Badehose und eine Taucherbrille leiht, für ein paar Augenblicke in das gewiss nicht 27 Grad warme Wasser abtaucht und das Spiel verfolgt. Erst unter Wasser lässt sich zumindest erahnen, wie kräftezehrend ein Zweikampf ist und was es heißt, den Ball festzuhalten, während man von einem Gegenspieler umklammert wird. Erst unter Wasser wird man sich der Dreidimensionalität und der Faszination dieses Sports bewusst. Unterwasserrugby ist wie Fliegen – bloß in einem Schwimmbecken. Ist es da nicht betrüblich, dass der Sport so unbekannt ist? „Man bedauert es schon“, sagt Endres, „aber das ist halt unser Schicksal.“

Unterwasserrugby kurz erklärt!

So läuft es beim Unterwasserrugby

Beim Unterwasserrugby duellieren sich zwei Mannschaften mit jeweils sechs Akteuren und ebenso vielen Reservespielern. Eine Partie dauert zweimal 15 Minuten und beginnt mit dem Geräusch einer Unterwasserhupe, ehe die Spieler beider Teams vom Beckenrand in die Mitte schwimmen, um am Grund
an den mit Salzwasser gefüllten und deshalb nicht auftauchenden Ball zu gelangen.

Ziel ist es, den Ball in den gegnerischen Korb auf den Boden des Beckens zu befördern. In diesem Zuge darf nur der ballführende Spieler angegriffen werden – allerdings ohne ihn zu treten, zu schlagen oder an der Ausrüstung festzuhalten. Zur Ausrüstung zählen eine Badehaube mit Ohrenschützern, eine Taucherbrille, ein Schnorchel und Flossen. Drei Schiedsrichter begleiten das Spiel, zwei im Wasser, einer am Beckenrand. Frauen und Männer dürfen gemeinsam in einer Mannschaft spielen.

Popularität und Probleme

Unterwasserrugby ist vor gut 50 Jahren in Nordrhein-Westfalen entstanden, als Geburtsstätte gilt Mühlheim an der Ruhr, zugleich Austragungsort der ersten  Weltmeisterschaft 1980. Im Laufe der Jahrzehnte ist die Zahl der Mannschaften stetig gestiegen, inzwischen sind mehr als 60 Teams organisiert in einer dreigleisigen Bundesliga (Staffel Nord, Süd und West), einer ebenso dreigleisigen zweiten Bundesliga und drittklassigen Landesligen.

Die zunehmende Popularität der Sportart hat allerdings natürliche Grenzen, denn die Spiele lassen sich für Zuschauer im  Grunde nur aus dem Wasser verfolgen. Am Beckenrand ist nicht einmal zweifelsfrei zu erkennen, welche Mannschaft gerade in Ballbesitz ist. Nur bedeutende Turniere werden von einem Kamerateam begleitet und per Stream übertragen. Besonders angesagt ist Unterwasserrugby
mittlerweile auch in Skandinavien. Inzwischen wird der Sport aber in rund 30 Ländern getrieben, etwa in Kolumbien, Südafrika, Australien und der Türkei.

Kommen Sie zum Schnuppertraining

Für die Leser des Magazins bietet die Tauchsportgruppe Würzburg bei ausreichender Bewerberzahl ein Schnuppertraining in Würzburg an. Sind Sie fit und wollten Sie schon immer einmal eine außergewöhnliche Sportart ausprobieren? Dann schreiben Sie eine kurze E-Mail an info@raiba-msp.de. Geben Sie Ihren Namen, Ihre Adresse und das Stichwort „Unterwasserrugby“ an.

 

Back To Top