„Was wird aus unseren Euro?“ – Vortrag mit Prof. Dr. Peter Bofinger in Lohr a. Main

Zum Mittagessen unterhielt sich der »Wirtschaftsweise« Peter Bofinger darüber noch mit der Bundeskanzlerin in Berlin, in der Rexroth-Kantine in Lohr mit fast 400 Gästen der Raiffeisenbank Main-Spessart und des Lions-Clubs Lohr-Marktheidenfeld. Mit dem Bild einer Tunnelbaustelle verdeutlicht Bofinger am Ende seine Einschätzung, dass der Euro auf halbem Weg steckengeblieben ist:  »Der Ausgang ist noch nicht gebohrt.«

Vor der Tunnelperspektive wählt der Würzburger Volkswirtschaftsprofessor den Mars-Männchenblick für seinen Streifzug durch die irdische Finanzkrisenwelt. Der »unkonventionelle Ökonom«, wie ihn Raiffeisenchef Helmut Kraft vorgestellt hat, schwimmt gern gegen den Meinungsstrom.

Ob Inflation, Staatsverschuldung oder Haushaltsdefizit: Da sieht’s aus dem Blick von oben in den großen Wirtschaftsräumen USA, Japan, Indien überall schlimmer aus. »Der Marsmensch käme nicht darauf, dass Europa die Krise hat«. Japan mit Schuldenquote von 235 Prozent – »das schaffen nicht mal die Griechen«.

Und die Zypern-Krise? 18 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung gegenüber 2500 in Deutschland: Bofinger weicht elegant auf die Größenordnung aus. In den Erfolgen der deutschen Wirtschaft, die der gebürtige Pforzheimer mit einem Spätzlebild seinem Publikum schelmisch als »Modell der schwäbischen Hausfrau« präsentiert, sieht er auch eine Ursache für die Krisen der Anderen. »Die Exporte mehr als verdoppelt und uns selber nichts gegönnt«. Das ging laut Bofinger nur gut, weil sich andere Staaten eher nichtschwäbisch verhielten. Wo Überschüsse gemacht werden, müssen auf der anderen Seite Defizite stehen. Der Euro hat das über die Wechselkurse begünstigt.

Die Währungsunion wirkt dagegen in der Schuldenkrise fatal: Die Staaten sind in Euros verschuldet, können diese aber nicht selber drucken. Und wenn keiner mehr die Staatsanleihen haben will, droht die nationale Pleite, die einem Staat mit eigener Währung nicht passieren könne. »Großbritannien hat das doppelte bis dreifache Defizit wie Italien, aber die Pfundanleihen keinen Risikoaufschlag«, hat Bofinger der britischen BBC kürzlich zur Frage auf die Italienkrise entgegengeschmettert.

Wie aber reagieren? »Das extreme Bremsen ist gefährlich«, plädiert der Lehrstuhlinhaber für Geld- und internationale Wirtschaftsbeziehungen für längeren Atem beim Sparen, wie das die USA vormachen. 2009 hätten Amerika und Euroraum zehn Prozent Arbeitslosigkeit verzeichnet, nun seien es dort acht Prozent und hier zwölf. Als Abnehmer für deutsche Exporte haben sich die USA zuletzt besser als China entwickelt: »Das werden Sie bei Rexroth wissen«, tönt der forsche Professor im Firmenkasino. Lieber zwei Prozent mehr Lohnsteigerung, rät der kritische Volkswirt. In der Summe sei das nicht mehr als Wechselkurse an einem Vormittag bewegen. Das dauerhafte Problem aber bleibe die instabile Architektur der Währungsunion: Geldpolitik zusammengelegt, aber 17 nationale Fiskalpolitiken behalten. Drei Szenarien, wie’s weitergehen kann im Euroland, sieht Bofinger: Durchwursteln, einen »Euro 2.0« oder die Rückkehr zur D-Mark. Durchwursteln sei bequem, aber gefährlich. Auch von D-Mark-Rückkehr hält der Wirtschaftsweise nichts. Also Euro 2.0: Für die Weiterentwicklung der Währungsunion fordert er konsequente Überwachung von Defizitsündern, Eurobonds als Chance zum Weg aus den Schulden, eine strenge Aufsicht über die Banken. Und als letzte Konsequenz: den Ausschluss von Ländern mit dauerhaft unsolider Politik.

Statt über die schlechte Luft und Dunkelheit im Tunnel, in dem der Euro steckt, zu klagen, plädiert Bofinger für Mut: Den neuen Ausgang finden oder umkehren. »Und ein Stück Vertrauen in die Zukunft mitnehmen«, ergänzt Raiffeisenchef Kraft am Schluss: »Mit Angst ist die Welt noch nie gerettet worden«. (Quelle: Main-Echo, Klaus Fleckenstein)

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