Ohne Pfeil und Drogen

dartss

Lange Zeit war Darts als Kneipensport verschrien, nun ist es auf dem Vormarsch und im Begriff, sich von diesem Ruch zu emanzipieren. Doch das Image hält sich hartnäckig. Zu Besuch beim Dartclub Marktheidenfeld.

 

 

DARTS?
Spielen nur übergewichtige Männer. Und ja sowieso nur deshalb, um ihren Alkoholkonsum zu rechtfertigen. Alexander Straub lacht, wenn das Gespräch zu diesen Klischees führt. Er sitzt an einem verregneten Freitagabend an einem runden Tisch im Marktheidenfelder Dartclubheim, das von außen wirkt wie ein unwirtlicher Bunker, unspektakulär weiß, fensterlos an der Frontseite. Straub, der stellvertretende Vorsitzende des Vereins, sagt: „Früher ist schon geraucht und getrunken worden – es waren gesellige Runden.“ Pfeil und Drogen, legaler Art natürlich – das gehörte einfach
zusammen. Ein Bierchen, eine Kippe, das Miteinander: Straub, ein adretter Mann ohne
Übergewicht, macht keinen Hehl daraus, dass er auch deshalb vor über zwei  Jahrzehnten mit Darts angefangen hat. Inzwischen aber hat sich seine Einstellung
grundlegend geändert. Es geht ihm jetzt vielmehr um den Sport an sich: ein ruhiges
Händchen zu haben, sich zu konzentrieren – und die Pfeile zu versenken. Straub hält es aber schon für denkbar, dass selbst die Profis während eines Spiels madarts2l ein Bier trinken. „Ein Beruhigungsbierchen“, wie er sagt. Straub grinst und führt weiter aus: „Vorne auf
der Bühne steht immer nur Wasser. Aber man weiß ja nicht, was in den Pausen hinten im Kämmerchen passiert.“ Aus dem Fernsehen kennt man ja nur diese Bilder aus dem Alexandra Palace in London: wie die Profis eine 180 nach der anderen werfen. Wie sich der Saal inmitten eines Freizeit- und Erholungsparks im Stadtbezirk Haringey in ein einziges Tollhaus verwandelt. Und wie grölende Fans in schrillen Kostümen durchdrehen.
Das Ally Pally, wie der Alexandra Palace liebevoll genannt wird, hat sich längst zu
einem Wallfahrtsort für Darts-Anhänger entwickelt. Auch aus Deutschland pilgern
im Januar eines jeden Jahres Hunderte, meist Jugendliche, nach London, um die Weltmeisterschaft vor Ort zu verfolgen.

AUS DEM WALLFAHRTSORT ALLY PALLY SCHWAPPT DIE EUPHORIE NACH DEUTSCHLAND
Hier in Marktheidenfeld, in den ehemaligen Umkleiden des alten Schwimmbads, geht es deutlich gemächlicher zu als im Ally Pally. Kein Hallensprecher, keine Fernsehkameras, keine Kostüme. Es ist schließlich nicht mehr als ein gewöhnlicher Freitagabend Mitte August im Dartclubheim. Fünf Spieler sind zum Training gekommen. Sie alle sind noch keine 30 Jahre alt.

Auch Kristin Kettler, die Vorsitzende des Vereins, ist erst 28. seit Kindestagen ist
sie dem Sport verfallen. „Ich bin damit aufgewachsen“, erzählt sie, „ich war von klein auf immer hier.“ Dann streckt Kettler ihren Arm aus und hält die Hand etwa in Tischhöhe. „So groß war ich“, sagt sie und lacht. Sie meint: Mit fünf Jahren hat sie zum ersten Mal einen Dartpfeil in der Hand gehalten. Sie erinnert sich: „Ich stand auf einem Stuhl, die
Scheibe auf dem Boden. Dann habe ich die Pfeile runtergeworfen.“ Sie war noch zu klein, um die Pfeile nach ihren Würfen selbstständig wieder aus der Scheibe zu ziehen.
Zu Kettlers Anfangszeiten, Mitte der 1990er Jahre, wurde Darts nicht einmal wahrgenommen. Doch inzwischen ist die Sportart längst auf dem Vormarsch – besonders wegen jungen Leuten. Alleine in diesem Jahr hat der Marktheidenfelder
Verein „vier, fünf Neuzugänge“ gewonnen, erklärt Kettler und „Die Neuen sind Anfang, Mitte 20. Wir hatten mal einen Altersschnitt von 45 – der ist mittlerweile deutlich gesunken.“ Rund ein halbes Dutzend Vereine wurden in diesem Jahr in Unterfranken gegründet, zumeist in den Räumen Aschaffenburg und Bad Kissingen.darts4

DEN RUF DES KNEIPENSPORTS WIRD DARTS WOHL NICHT MEHR LOS
Der Marktheidenfelder Club ist der einzige im Landkreis Main-Spessart. Hier, in der Lengfurter Straße, hat er schon eine beträchtliche Sammlung an Pokalen beisammen. Eine der ältesten Trophäen in den Vitrinen stammt aus dem Jahr 1989. Seitdem ist der Dartclub hier zu Hause. Bis dahin war er im alten Feuerwehr-Gerätehaus beheimatet, davor in einer Kneipe. Sieben Marktheidenfelder brachten den Sport seinerzeit aus einem Urlaub mit, aus England, dem Mutterland des Darts. Sie hingen in einem Lokal eine Scheibe auf und warfen mit Pfeilen auf diese – das machte schnell die Runde. Auch  wenn der Sport längst an Seriosität gewonnen hat, so wird Darts bis heute stets mit Kneipen und Alkohol in Verbindung gebracht. Und Kettler glaubt: „Den Ruf wird der Sport nicht mehr los.“ Verwundern kann das nicht, schließlich hat Darts sein Image über all die Jahre selbst kultiviert – und tut dies im Ally Pally durch seine bierseligen Fans bis heute.

Auch im Marktheidenfelder Dartclubheim hängt eine drei Liter fassende Flasche
Asbach an der Wand. Sie ist so gut wie voll.

Das ist Darts
Darts stammt aus England, dort entstand die Sportart in der zweiten Hälfte des 19.  Jahrhunderts. Heute unterscheidet man zwischen Steel- und Softdarts. Im Gegensatz zu den Kunststoffpfeilen, die beim Softdarts auf eine Automatenscheibe geworfen werden, kommen beim klassischen Steeldarts Metallpfeile zum Einsatz. Die Spieler werfen aus einer Entfernung von 2,37 Metern Pfeile auf eine Scheibe, die einen Durchmesser von 34 Zentimetern hat und an der Wand in einer Höhe von 1,73 Metern angebracht ist. Die Scheibe ist in Segmente eingeteilt, die einen Wert von 1 bis 20 haben. Zudem gibt es einen äußeren Ring, auf dem sich die Punktzahl verdoppelt, sowie einen inneren, auf dem sie sich gar verdreifacht. Jeder Spieler wirft pro Runde dreimal, so sind also höchstens 180 Punkte zu erzielen (drei Treffer im Triple-20-Feld, das allerdings nur acht Millimeter breit ist). In der Regel muss in einem Durchgang ein Punktestand von 501 heruntergespielt werden – dies ist im Bestfall mit neun Darts möglich. Profis werfen mit drei Pfeilen im Schnitt gut 100 Punkte.

dartclub

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s